Syphilis

Auszug aus dem Buch von Dr.-Ing. Joachim-F. Grätz, ”Sanfte Medizin - Die Heilkunst des Wassermannzeitalters”:

 

 

Syphilis oder syphilitische Konstitution (Syphilinie)

 

Die Syphilinie – oder Syphilis (Syphilis im homöopathischen Sinne ist nicht gleichbedeutend mit der akuten Syphilis aus schulmedizinischer Sicht, sondern umschreibt ein Miasma in seiner gesamten Ausprägung. Heute bürgert sich mehr und mehr die Bezeichnung Syphilinie oder syphilitische Konstitution ein, um derartige Verwechselungen zu vermeiden), wie Hahnemann sie schlicht nannte, – geht meist auf das Vorkommen einer Syphilis in der Blutsverwandtschaft zurück. Sie wird als „Affe unter den Krankheiten“ gesehen, da sie alles imitieren (nachäffen) kann. Ihre Reaktionsweise ist primär gekennzeichnet durch Destruktion und umfaßt vor allem Geschwüre jeglicher Art (z. B. Magengeschwür, Ulcus cruris – offenes Bein). Besonders betroffen sind auch die harten Gewebe (wie Knochen samt Knochenhaut), Nerven (incl. Gehirn und Hirnhäute), Kehlkopf und Hals im allgemeinen sowie Sinnesorgane. Da es sich hier wiederum um ein venerisches Miasma handelt, das – abgesehen von dessen Heredität – nur auf dem Geschlechtswege erworben wird, kommen auch viele Symptome und Beschwerden an den Fortpflanzungsorganen vor. Darüber hinaus sind Mißbildungen aller Art sowie schwere psychische Störungen typisch für die syphilitische Reaktionslage.

Schon Sigmund Freud hat gegen Ende seines Lebens erkannt, daß die Syphilis Ursache vieler schwerer psychischer Störungen ist, denn fast die Hälfte seines Klientels waren Syphilitiker. In seinen „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ schreibt er: „Bei mehr als der Hälfte meiner psychotherapeutisch behandelten schweren Fälle von Hysterie, Zwangsneurose etc. ist mir der Nachweis der vor der Ehe überstandenen Syphilis der Väter sicher gelungen, sei es, daß diese an Tabes (Rückenmarksschwindsucht als Spätform der Syphilis) oder progressiver Paralyse (Spätform der Syphilis des zentralen Nervensystems) gelitten hatten, sei es, daß deren luetische Erkrankung (Lues: anderes Wort für Syphilis) sich anderswie anamnestisch feststellen ließ. – Ich bemerke ausdrücklich, daß die später neurotischen Kinder keine körperlichen Zeichen von hereditärer Lues an sich trugen.“ (erklärende Klammern und Hervorhebungen durch den Verfasser)

Deutlicher geht es schon gar nicht mehr! Der große Psychoanalytiker Freud macht explizit darauf aufmerksam, daß die Syphilis miasmatischen Charakter hat! Er als Nicht-Homöopath bestätigt also genau das, was Hahnemann schon ein paar Jahrzehnte zuvor gelehrt hat. Und weiter macht er deutlich, daß dieses Miasma hereditär ist und an die Blutsverwandtschaft weitergegeben wird, somit der Hauptverursacher vieler – erst später auftretender – psychischer Leiden ist; Beobachtungen, die seinerzeit auch schon der bekannte Homöopathieprofessor John Henry Allen, jedoch viel ausführlicher, genauer und mit therapeutischen Konsequenzen, angestellt hat. Darüber hinaus wird evident, daß der Familienanamnese eine zentrale Rolle im Hinblick auf eine erfolgreiche chronisch homöopathische Behandlung zukommt. Auf der anderen Seite läßt sich aber auch schlußfolgern, daß Depressionen, Neurosen, Hysterie und andere schwere psychische Störungen durch Psychotherapie nicht dauerhaft zu heilen sind, sondern bestenfalls palliativ, d. h. vorübergehend gelindert werden können.

Die Syphilis ist die einzige Krankheit, die auch in der Schulmedizin als chronische (systemische) Krankheit anerkannt ist. Sie als reine Geschlechtskrankheit zu bezeichnen ist fehl am Platze, denn sie ergreift mit der Zeit den gesamten Organismus. Streng genommen ist der Begriff Geschlechtskrankheit sogar falsch; richtiger müßte es heißen: Krankheit, welche über den Geschlechtsweg übertragen wird. (Das gilt selbstverständlich auch für die sykotische Gonorrhoe.)

Die Syphilis verläuft in drei Phasen: Lues I, Lues II und Lues III, welche unterschiedlich lang sind und völlig andere Erscheinungsbilder aufweisen.

Die Lues I tritt etwa 3 Wochen p. i. (post infectionem, nach der Ansteckung) mit Symptomen in Erscheinung. Ihr Kennzeichen ist eine Papel am Ort der Ansteckung, ein schmerzloses Geschwür, der sogenannte harte Schanker oder Primäraffekt. Parallel dazu imponieren schmerzlose Schwellungen regionärer Lymphknoten, die Bubonen (bei Vorkommen in der Leistenbeuge) genannt werden. Beides zusammen macht den Primärkomplex aus. Dieser heilt etwa 6 Wochen p. i. ab und verschwindet. Im gesamten ersten Stadium sind die Spirochäten bzw. Treponema pallidum, die in der Schulmedizin als die Erreger der Syphilis angesehen werden, nachzuweisen.

Das Stadium Lues II, welches etwa 8 Wochen p. i. folgt, ist deutlich ausgeprägter und von längerer Dauer. Der Beginn wird mit Prodromalerscheinungen (Vorläufern) wie Fieber, Abgeschlagenheit, Milzschwellung und generalisiertem Lymphknotenbefall eingeläutet. Ab etwa der 10. Woche treten dann nicht-juckende Hautausschläge (Roseola) auf. Die Eruption dieses multiformen Exanthems, das häufig aus roten Flecken besteht (Syphilide) findet besonders am Stamm, Bauch, Rücken und den Beugeseiten der Extremitäten statt. Die zugehörigen Lymphknotenschwellungen sind wiederum schmerzlos!Syphilitische Exantheme jucken nicht, sind jedoch auf Sondendruck schmerzhaft. – Ab der 12. Woche p. i. reagieren auch die Schleimhäute mit sogenannten Plaques muqueuses; das sind Schleimhauteffloreszenzen (Schleimhautveränderungen) in Form von dicken weißlichen Flecken mit durchsichtigen Papeln. Darüber hinaus gibt es weißliche milchige Beläge auf den Tonsillen (Mandeln), welche abwischbar und hoch-kontagiös sind (Angina syphilitica). An den Fingern und Zehen und in der Nähe der Körperöffnungen imponieren die Condylomata lata, breit aufsitzende, nässende und treponemenreiche Papeln, besonders an Stellen mit starker Schweißbildung. Die syphilitische Alopezie (Haarausfall), die typischerweise diffus und mottenfraßähnlich ausgeprägt ist, wird mit etwa der 20. Woche angegeben. Und ab der 24. Woche p. i. tritt das syphilitische Leukoderm auf. Hierbei handelt es sich um depigmentierte Hautareale, mit häufiger Lokalisation am Hals (Collier de Venus, Halsband der Venus). Des weiteren kann es zu „wüsten Ulzerationen“ (Geschwürsbildungen) kommen, die schließlich – zusammen mit den anderen Erscheinungen – zum Tode führen. Im Falle eines Überlebens flacht das Krankheitsbild etwa 2 Jahre p. i. ab. Alle klinischen Erscheinungen des Sekundärstadiums klingen in der Regel folgenlos ab, und die Syphilis ist nur noch serologisch, d. h. im Blutserum, nachweisbar; „die Treponemen dringen nach innen“ (lange Latenzperiode, welche mehrere Jahre bestehen kann, die sogenannte Syphilis latens seropositiva).

Von der Lues III spricht man ab ca. 3 bis 5 Jahre p. i.; sie ist nicht mehr infektiös und gekennzeichntet sowohl durch asymmetrische Exantheme, die nicht mehr nach außen aufbrechen, als auch durch Syphilome im Corium (Unterhaut). Diese Gummata, wie sie außerdem genannt werden, sind eine Art Gummigeschwülste, welche sich auch an den verschiedensten Organen manifestieren können. Darüber hinaus gehören die sogenannten Aneurysmen, sehr gefährliche pathologische Gefäßaussackungen – meist der Aorta (Hauptschlagader) –, welche spontan rumpieren (zerreißen) können und dadurch zum Tode führen, zum Erscheinungsbild der tertiären Syphilis (Mesaortitis luica). Weitere klinische Erscheinungen sind Aorteninsuffizienz infolge Aortenklappenbeteiligung (eine Herzklappe) und Koronarinsuffizienz infolge Verengung der Abgangsstellen der Herzkranzarterien.

Das Stadium Lues IV ist eine „Unterabteilung“ der Lues III und wird in manchen Lehrbüchern separat betrachtet. Es wird auch Metalues oder Neurolues genannt und tritt meist erst 8 bis 12 Jahre p. i. auf. Betroffen ist zunächst das ZNS, das zentrale Nervensystem (Lues cerebrospinalis), so daß es zu Hirnnervenstörungen kommt (Augen, Ohren etc.). Des weiteren werden Bewußtseinseintrübung, Delirien, epileptische Anfälle und apoplektische Halbseitenlähmungen (Schlaganfall) dazugezählt. Später kann es zu fortschreitender Hirnauflösung kommen (progressive Paralyse, Untergang grauer Hirnsubstanz) und zur Degeneration des Rückenmarks mit sogenannter Tabes dorsalis (syphilitischer Befall des Rückenmarks, sogenannte Rückenmarksschwindsucht, Rückenmarksdarre), welche sich vornehmlich in Form von sensiblen Reiz- und Ausfallerscheinungen äußert (z. B. lanzinierende, durchbohrende Schmerzen) sowie durch Ataxien (Ungeschicklichkeit im Gebrauch der Gliedmaßen), Fehlen oder Herabsetzen von Sehnenreflexen, Pupillenstörungen mit Anisokorie, Entrundung, Miosis etc. pp. Auch Gelenksdeformierungen, Hypotonie der Muskeln und spastische Lähmungen der Extremitäten, Kälte- und Berührungshyperpathie sowie verwaschene Sprache und mimische Schwäche gehören zum Erscheinungsbild der Neurolues. Schließlich wird noch das sogenannte hirnorganische Psychosyndrom angegeben, mit seinem Verlust des Taktes und dem Verlust des geordneten Verhaltens mit persönlichkeitsfremder Enthemmung. Auch das euphorisch expansive Syndrom (ständig gehobene Stimmung, Größenwahn, Affektivität, Rededrang) ist Merkmal der Lues dieses Stadiums. Darüber hinaus kann es zu Gewebsdefekten kommen wie z. B. Sattelnase, Gaumenperforation, Wolfsrachen, Hasenscharte und sogenannten Tonnenzähnen.

Die chronische Syphilis ist also alles andere als eine Geschlechtskrankheit! Sie weist nicht unbedingt Zeichen und Symptome an den Geschlechtsorganen auf, sondern umfaßt den gesamten Organismus. Ihre Hauptansatzpunkte sind das zentrale Nervensystem (in Form von bestimmten neurologischen Erkrankungen), die Knochen (in Form von Defekten und Verformungen) und das Gemüt mit der Tendenz zur Zerstörung und/oder Selbstzerstörung bis hin zum Drang zu töten. Typische syphilitische Zeichen im Sinne der homöopathischen Miasmen sind immer wiederkehrende Anginen (eitrige Mandelentzündungen) begleitet von starkem, zähem, metallischem Speichelfluß (auch der Scharlach gehört hierhin und ist eine Kinderkrankheit mit syphilitischem Touch); nächtliche Schmerzen in den langen Röhrenknochen (in Kindertagen oft als sogenannte Wachstumsschmerzen diagnostiziert); kupferfarbene oder rohem Schinken ähnliche, nicht-juckende Hauteruptionen; Vitiligo (sogenannte Weißfleckenkrankheit, depigmentierte Hautareale); allgemeine nächtliche Verschlimmerungszustände (schon nach Sonnenuntergang beginnend); Geschwüre (insbesondere glänzende) und Eiterungen aller Art bis hin zu Gangrän (Brand der Gewebe) und Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa (beides degenerative, schulmedizinisch unheilbare Krankheiten des Darms); Furunkulose; Abszesse; Sehnervatrophie; unterschiedlich gefärbte Iriden; entrundete Pupillen; eine Pupille groß, die andere klein; Kolobom einer Iris (Spaltbildung); Ptosis (Lidlähmung); interstitielle Keratitis; Iritis oder Iridozyklitis; eitrige Bindehautentzündung; ungleichmäßiger Zahnstand, Zahnfehlstellung; Zähne weit auseinander; große Zähne mit großer Lücke vorne; ein Zahn zuviel angelegt; Unregelmäßigkeiten (schief, quer); keulenförmige Zähne; kleine, unterentwickelte Zähne (Mausezähne); Persistieren der Milchzähne (müssen gezogen werden, fallen nicht von alleine heraus); Zahnwurzelabszesse; Sattelnase; Säbelbein (Tibiamißbildungen); angeborene Hüftluxation infolge mangelnder Ausbildung der Pfanne; Skoliose und Lordose; Aortenaneurysma (Aussackung der Aorta); Herzmißbildungen (z. B. Septumdefekt, Vertauschung der großen Gefäße); Mißbildungen des Gaumens (Gaumenspalte, Wolfsrachen, Hasenscharte); Spina bifida („offener Rücken“); gänzliches Fehlen von Organen oder Teilen davon; partieller Riesenwuchs (kurzer Rumpf und lange Beine bzw. umgekehrt); Schwerhörigkeit mit chronischer Absonderung aus dem Ohr; zentrale Schwerhörigkeit ohne organische Befunde (Atrophie des Hörnervs); geistige Zurückgebliebenheit; Schwachsinn; Gedächtnisstörungen; alle Krankheiten des zentralen Nervensystems (beispielsweise MS [Multiple Sklerose], Morbus Recklinghausen, Morbus Parkinson, Demenz, Morbus Alzheimer, Morbus Raynaud, Morbus Ménière); Neigung zu Selbstmord (ohne Vorwarnung); eine Art geistiger Lähmung (auch Verwirrungszustände); leichte Vergeßlichkeit; Bewußtseinseintrübung; Veränderungen in Sprache und Schrift; Verlust der Urteilskraft; Tobsucht; Delirien; Größenwahn; Affektivität; Rededrang und vieles mehr. Der Syphilitiker ist in der Regel mürrisch, eigensinnig, widerspenstig, verschlossen und mißtrauisch. Mit einem Syphilitiker kann man nicht reden, er hört einem gar nicht zu! Er leidet unter einer fixierten Gemütslage: „Das ist mein Standpunkt, davon gehe ich nicht runter!“ Ihn zeichnet eine gewisse geistige Hartnäckigkeit aus. Darüber hinaus zeigt sich häufig auch eine Tendenz zu Zerstörung und/oder Selbstzerstörung bis hin zum Drang zu töten, wie bereits oben gesagt.

In Bezug auf die Reproduktionsorgane zeigt sich die Syphilis mit Unfruchtbarkeit, Sterilität, Eileiterverklebungen, Frühgeburten, Todgeburten, gehäuftem Abortus (en série) und Zwillings- bzw. Mehrlingsschwangerschaften. Auch die Sterilität bei Männern ist oft syphilitischer Genese.

Die angeborene, erblich bedingte Syphilis ist recht schwer zu erkennen, da es eine große Zahl von Fällen gibt, wo nur ein einziges – oft auch nur sehr latentes – Zeichen vorhanden ist. Ein familienanamnestischer Hinweis auf eine bestehende connatale Syphilis wäre dann beispielsweise eine vorausgehende stattliche Anzahl von Fehl-, Früh- oder Todgeburten.

 

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