Die chronischen Miasmen

„Das Höchste, was der Arzt an Wahrheit erfahren kann, liegt eindeutig – ich erlaube mir, dies zu versichern –
im Verständnis der Miasmen
Hahnemanns.“

Dr. Proceso Sanchez Ortega, homöopathischer Arzt, Mexiko

Gekürzte Auszüge aus den beiden Büchern von Dr.-Ing. Joachim-F. Grätz, Klassische Homöopathie, Oberhausen i. Obb.

 

Akute und chronische Krankheiten

Das wesentliche Merkmal von akuten Krankheiten liegt in ihrer Tendenz, von selber zu heilen. Sie haben ein Ziel und somit einen definitiven Anfang sowie ein definitives Ende mit und ohne Medikament oder homöopathisches Arzneimittel. Bei den chronischen Krankheiten dagegen ist eine Selbstheilung nicht möglich. Die Lebenskraft läßt ihnen ungehindert Zutritt zum Organismus; sie kann sich von ihnen nicht selbständig befreien. Die chronischen Krankheiten verlaufen in Phasen und Schüben mit dazwischenliegenden Latenzzeiten und kommen immer wieder „in einer mehr oder weniger abgeänderten Gestalt und mit neuen Symptomen ausgestattet“ zum Vorschein; das heißt, es gibt „alle Jahre“ einen Zuwachs an Beschwerden. Die chronische Krankheit endet quasi erst mit dem Ableben des einzelnen.

Die Schulmedizin sieht zwischen den beiden Begriffen Akutkrankheit und chronische Krankheit nur einen zeitlichen Unterschied. Laut klinischem Wörterbuch Pschyrembel bedeutet Akutkrankheit eine „plötzlich, schnell, heftig verlaufende Krankheit“, während unter chronischer Krankheit eine „langsam sich entwickelnde und langsam verlaufende Erkrankung“ verstanden wird. Die Homöopathie sieht allerdings nicht nur diese zeitliche Dimension, sondern auch den Charakter und das Wesen der Erkrankung! Der Unterschied zwischen akut und chronisch liegt also in der Art und Weise der Reaktion der Lebenskraft! Und genau hier kommt der Begriff der Miasmen ins Spiel.

 

Der Begriff Miasma

Miasma bedeutet soviel wie Besudelung, Verunreinigung oder Ansteckungszunder (ansteckend, kontagiös, verderbend) und umschreibt dasjenige, was hinter dem vordergründigen Leiden steckt. Um diesen so wichtigen Begriff der chronischen Homöopathie besser verstehen zu können, soll er anhand eines kleinen einprägsamen Beispiels – ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte – näher erläutert werden.
Hahnemanns Briefsiegel

Hahnemanns Briefsiegel

Nehmen wir ein Kind, welches bis zu achtmal im Jahr an Mittelohrentzündungen leidet, ja sogar so schlimm, daß das Trommelfell bereits perforiert ist und sich jedes Mal ein gelbgrünes Sekret aus den Ohren ergießt, so daß sich auf dem Kopfkissen des Kindes häufig eitrige Flecken finden lassen. Solcherlei Fälle sind heutzutage leider keine Seltenheit! Nun gibt es mehrere Möglichkeiten, diesem Kind zu helfen. Die herkömmliche und am meisten praktizierte Methode besteht in der Verabreichung eines passenden Antibiotikums, damit die Entzündung sofort stoppt, das Fieber heruntergeht und die Schmerzen nachlassen. Eine andere, mehr naturheilkundliche Möglichkeit, dem armen Kind Linderung zu verschaffen, bestünde in Zwiebelsäckchen, Cantharidenpflaster, Wadenwickel, Tees oder sonstigen Anwendungen bzw. „Hausmittelchen aus Omas Überlieferungen“. Und schließlich die homöopathische Vorgehensweise, bei der das den Krankheitssymptomen ähnlichste Arzneimittel gesucht und verabreicht wird.

Allen Methoden ist eines gemeinsam: Sie behandeln die Krankheit akut, das heißt, eine Medizin oder Arznei wird verabreicht, um die akuten Symptome möglichst schnell zum Verschwinden zu bringen. Die schulmedizinische Vorgehensweise konzentriert sich dabei in erster Linie auf das Grobstoffliche und bekämpft Fieber, Mikroben – beispielsweise Streptokokken – und Schmerzen. Die Mittel aus dem Hausschatz der Naturheilkunde machen im Prinzip dasselbe – es handelt sich hierbei auch um ein lokales, organbezogenes Vorgehen –, nur daß diese verabreichten Mittel biologisch besser abbaubar sind und nicht so viele bzw. kaum Nebenwirkungen aufweisen. Nur das homöopathische Prinzip sieht den Organismus des Kindes als Ganzes und berücksichtigt über die vordergründige Diagnose einer eitrigen Mittelohrentzündung hinaus auch Dinge wie Durstverhalten und Appetit, Höhe und Typ des Fiebers (z. B. Entzündungsfieber), trockene Hitze oder Schwitzen bei Fieber, Gesichtsfarbe, Krankheit während der Zahnungsphase, psychische Symptome wie extreme Anhänglichkeit und Weinerlichkeit oder Gehässigkeit und ständiges Fordern oder extreme Zurückgezogenheit, Schwäche und Ruhebedürftigkeit, Unruhezustände und vieles mehr oder gar eine echte Causa (Ursache) wie beispielsweise Zugluft oder Erkältung durch einen Schwimmbadbesuch, um nur einige zu nennen. Aus diesen Angaben zusammen wird nach den Prinzipien der Ähnlichkeitsregel das Simile – das ähnliche Mittel – bestimmt und in potenzierter Form verabreicht.

So wird sich bei allen Akutbehandlungen mehr oder weniger ein recht schneller Erfolg einstellen und das Kind frei von allen krankhaften Symptomen sein. Es gibt jedoch auch Unterschiede hinsichtlich dieser verschiedenen Akutbehandlungen. Während die lokalen Vorgehensweisen eher eine symptomatische, unterdrückende Behandlung bedeuten, also bestenfalls die Krankheitszeichen coupieren und demnach kein echtes Ausheilen der Erkrankung beinhalten, kann man bei dem homöopathischen Ansatz von wirklicher Heilung im Akutsinne sprechen. Hier wird zum einen sehr individuell vorgegangen, so daß ein jeder Patient das für ihn passende Mittel erhält, welches darüber hinaus feinstofflicher Natur ist und den Körper nicht grobstofflich-chemisch belastet, so daß es keinerlei unerwünschte Nebenwirkungen gibt.

Doch die Mittelohrentzündungen werden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wiederkommen! Es wurde ja jeweils nur die Akutkrankheit behandelt. Die Neigung, so häufig an eitrigen Otitiden zu leiden, wurde in keinem Fall genommen; auch nicht bei der homöopathischen Vorgehensweise! Und hier kommt nun der Begriff Miasma ins Spiel. Denn die Mittelohrentzündungen können nur immer dann wieder auftreten, wenn ein entsprechender Nährboden vorhanden ist, wenn es ein Terrain für derartige Erkrankungen gibt. Und dieses Terrain umschreibt der Begriff Miasma. Miasma heißt soviel wie Krankheit hinter den Krankheiten oder chronische Grundkrankheit. In unserem Falle muß eine ausgeprägte Tuberkulinie (ein bestimmtes Miasma, welches nicht zu verwechseln ist mit akuter Tuberkulose und weiter unten ausführlicher behandelt wird) vorliegen, welche bereinigt werden muß. Und genau hier setzt die chronische Vorgehensweise der Homöopathie an: Das Eliminieren der Miasmen unter Berücksichtigung der jeweils individuellen Symptome des Patienten. Erst dann, wenn – wie hier in unserem Falle – die Tuberkulinie weitgehend abgetragen worden ist, stellt sich dauerhafte Gesundheit ein. So wird die Neigung zu eitrigen Otitiden mit der Zeit abnehmen und schließlich ganz der Vergangenheit angehören und damit Akutbehandlungen im obigen Sinne nicht mehr notwendig werden lassen. – Und genau das ist der chronische Aspekt in der Klassischen Homöopathie, um den es in diesem Buch gehen soll.

 

Grundgedanken von Hahnemanns Miasmenlehre

Mit der Miasmenlehre Hahnemanns fängt die eigentliche Homöopathie erst richtig an! Diese Krankheitslehre um die chronischen Krankheiten versetzt den Homöotherpeuten wirklich in die Lage, Krankheiten zu heilen, die nach offizieller Lehrmeinung als unheilbar gelten. So steht die moderne Hochschul- und Apparatemedizin zusammen mit dem ganzen Aufgebot der heutigen Pharmaindustrie derartigen Krankheiten weitgehend hilflos gegenüber und versucht diese mit starken und äußerst giftigen Substanzen notdürftig zu lindern. Häufig erkauft sich dabei der Patient eine solche Linderung teuer durch eine ihm neu aufgezwungene Krankheit – aufgrund der vielen schädlichen Nebenwirkungen der verabreichten Medikamente und Behandlungen.

Samuel HahnemannHahnemann veröffentlichte diese neue Krankheitslehre nach intensiver 12-jähriger Forschungsarbeit und Verifikation am Patienten und nach mehr als 30-jähriger Simileerfahrung bei den Akutkrankheiten in seinen fünf Bänden „Die chronischen Krankheiten“ ab dem Jahre 1828. Dieses Werk wurde von einem Großteil der damaligen Homöopathen bis hin zu den meisten heutigen Kollegen leider nicht wirklich verstanden und demzufolge weitgehend abgelehnt und mißachtet. Aber eigentlich dürfte sich kein Therapeut wirklich Homöopath (bzw. „ächter Heilkünstler“, wie Hahnemann selbst es formuliert hat) nennen, der diese Gesetze und Regeln hinsichtlich der chronischen Erkrankungen negiert. Sie gehen über die bloße Similebeziehung weit hinaus und sind grundlegend für die Klassische Homöopahtie bei der Behandlung chronischer Leiden. Ohne sie beschneidet sich jeder Therapeut wunderbarer Möglichkeiten und ohne sie wird er niemals die Homöopathie in ihrer gesamten Bandbreite erleben. Homöopathie ohne die Miasmenlehre kann nur rudimentäre Akuthomöopathie bedeuten, vielfach auch nur palliative Behandlung, also lindernd und nicht dauerhaft heilend.

Hahnemann selbst hat in seinen „Die chronischen Krankheiten“ Stellung bezogen und kommt zu dem überwältigenden Schluß, daß jemand, der frei von jeglichem Miasma ist, absolut gesund ist und ein Leben ohne Krankheit und ohne Destruktion führen kann, ja daß er sich nicht einmal ernsthaft erkälten kann!

 

Charakteristik der chronischen Grundkrankheiten

Die Miasmen, die Krankheiten hinter den Krankheiten, lassen sich folgendermaßen charakterisieren:

  • Sie sind chronisch und quasi – im Sinne herkömmlicher Therapieansätze – unheilbar, führen in die Destruktion und enden erst mit dem Tod.
  • Sie fressen sich unter immer wieder aufflackernden Schüben in immer zentralere Regionen des Organismus vor.
  • Wenn äußere Manifestationen der Erkrankungen durch lokale Maßnahmen bekämpft und unterdrückt werden, erfolgt das Gegenteil von Heilung: Verschlimmerung.

Im Gegensatz zu den akuten Krankheiten läßt die Lebenskraft den chronischen Krankheiten ungehindert Zutritt zum Organismus. Sie kann sich von ihnen nicht selbständig befreien; eine Selbstheilung ist also nicht möglich. Die chronische Krankheit verläuft immer in Phasen (Stadien) oder akuten Schüben mit dazwischenliegenden Zeiten vermeintlicher Ruhe, sogenannte Latenzzeiten, welche den Eindruck einer Ausheilung erwecken und vermeintliche Gesundheit vortäuschen. Jedoch kommt sie – eventuell erst nach Monaten oder Jahren – in einer mehr oder weniger abgeänderten Gestalt oder sogar mit einem völlig neuen Gesicht wieder zurück, und zwar zumeist mit Krankheitserscheinungen, die man aus herkömmlicher Sicht nicht im entferntesten mit den vorangegangenen in Zusammenhang bringen würde, da sie klinisch wirklich nichts miteinander zu tun haben. So treibt das Miasma den Organismus zielgerichtet in die Destruktion, ohne daß dies von jedermann deutlich wahrzunehmen ist.

Die Miasmen werden immer in dem Stadium weitergegeben, in dem sich der Überträger gerade befindet. Eine Ansteckung im dritten Stadium der Sykosis beispielsweise bedeutet demnach nicht akute Gonorrhoe, sondern beschert dem Patienten hauptsächlich die Symptome des Tertiärstadiums dieses destruktiven Miasmas, wie z. B. chronische Sinusitis (Neben- oder Stirnhöhlenentzündungen), Rheumatismus, Gicht, Polyarthritis, Heuschnupfen, Asthma, Reaktionsschwäche, panische irrationale Ängste, Depressionen, psychotische Zustände und einiges mehr.

 

Antimiasmatische Behandlung

Die erste therapeutische Konsequenz aus dieser Betrachtungsweise hinsichtlich der chronischen Krankheiten ist, daß die einzelnen Krankheitsstadien im Leben eines Menschen unter keinen Umständen als eigenständige, neue, voneinander unabhängige Krankheiten anzusehen sind. Sie gelten im Prinzip als akute Exacerbation eines oder mehrerer wirkender Miasmen, also als ein akutes Aufflackern eines oder mehrerer chronischer Grundleiden. Das wiederum bedeutet, daß man nicht jede Krankheitserscheinung separat behandeln darf, sondern es gilt, die chronischen Grundkrankheiten schrittweise als Ganzes abzutragen. Eine homöopathische chronische Behandlung ist also gleichzusetzen mit einer antimiasmatischen Behandlung und richtet sich nicht gegen vordergründige Symptome akuter Erscheinungsformen. Die antimiasmatische Behandlung übersieht die „schäumende Oberfläche“ und blickt tiefer in den Fall hinein, indem sie nach der prima causa morbi forscht, nach der ursprünglichsten Ursache der Krankheit, dem zugrunde liegenden Miasma.

 

Verbot der lokalen Manipulation

Die zweite therapeutische Konsequenz betrifft die sogenannten äußeren Manifestationen. Jegliche Manipulation an den äußeren Erscheinungen der Krankheit mit „äußerlichen Mitteln“ hat zu unterbleibenHahnemann verbietet dies aufs strengste: Wegschneiden, „Zuschmieren“, Verätzen, ... ist „eine Todsünde des Behandlers!“ –, da die Krankheit sonst sehr leicht von der Peripherie ins Innere getrieben wird und sich vom energetischen Standpunkt her (unter Umständen sogar dramatisch) verschlimmert.

Dies kann beispielsweise bedeuten, daß „aus einer Neurodermitis eine Neigung zu spastischer Bronchitis wird“ oder „aus einem grippalen Infekt eine Neigung zu Herzmuskelentzündungen oder epileptischen Krampfanfällen“ oder „aus einer Sinusitis chronischer Rheumatismus, z. B. in Form von Polyarthritis“.

Alles, was von innen nach außen – auf die Peripherie des Organismus – getrieben wird, muß also absolut unangetastet bleiben, denn es handelt sich nicht um die eigentliche Erkrankung, sondern nur um Beschwichtigungsmaßnahmen des Organismus, ein inneres, tiefer sitzendes Leiden auszubalancieren. Hahnemann spricht hier von Lokal-Übeln, die ein aktiver Versuch der Lebenskraft sind, einen besseren Interimszustand herbeizuführen, damit die Miasmen weder mit Sekundär- noch später mit Tertiärsymptomen hervorbrechen können. Das Wegnehmen eines Lokal-Übels von der Oberfläche, in vielen Fällen dem einzigen sichtbaren Zeichen der chronischen Erkrankung, kann Quelle vieler chronischer Leiden sein und ist laut Hahnemann „eine der verbrecherischsten Handlungen, deren sich die ärztliche Zunft schuldig machen konnte“. Jegliches Herumdoktorn an den äußeren Krankheitserscheinungen ist für einen echten Heiler verboten!

 

Ausführliche Lebensanamnese

Die Aufnahme von chronischen Krankheiten zum Zwecke der Arzneimittelfindung ist sehr umfassend und zeitaufwendig. Hier geht es im wesentlichen nicht nur um die aktuellen, gegenwärtigen Zeichen und Symptome inclusive deren eventueller Ursache (Causa), sondern hier werden auch die großen Zusammenhänge und Weichenstellungen im Leben eines Menschen anamnestisch erforscht. Es geht immer wieder um die Frage: „Ab wann ist etwas anders gelaufen, weshalb und wodurch?“ Dies können schwere Krankheiten gewesen sein und/oder deren Behandlung oder Impfungen, Operationen, starke Gemütsbewegungen, Schwangerschaft, Unfälle, Erlebnisschocks, die eigene Lebensweise und vieles mehr.

Um derartige Phänomene und Weichenstellungen im Leben eines Menschen entdecken zu können, ist eine ausführliche Anamnese notwendig, und zwar eine detaillierte Lebensanamnese. Doch damit nicht genug. Da die Miasmen auch hereditär sind, also das Potential, in einer gewissen Weise zu reagieren, erblich weitergegeben wird, kommt auch der Schwangerschafts- und Kleinkindanamnese sowie einer ausführlichen Familienanamnese der Blutsverwandtschaft eine große Bedeutung zu, denn „nichts passiert auf der grünen Wiese“. Der rote Faden, der sich durch alles hindurchzieht, muß erkannt werden. Erstes Ziel neben dem Sammeln von indivuellen Zeichen und Symptomen ist demnach die Suche nach den hereditären und/oder erworbenen Miasmen – der sogenannten Primär- und Sekundärmiasmatik – sowie nach anderen – nach Möglichkeit kausalen – Zusammenhängen während des gesamten Lebens des Patienten. Erst dann ist es möglich, verschiedene Weichenstellungen genauer in Augenschein zu nehmen, um die aktuellen Symptome besser verstehen zu können. Eichelberger spricht hier von dem Erkennen der Idee eines Falles. Jeder einzelne Fall hat seine ihm eigene innere Logik, die es zu erkennen gilt und die therapeutisch umgesetzt werden muß; eine vordergründige „Symptomenabdeckerei“ führt nie und nimmer zum Ziel einer dauerhaften Heilung.

John Henry Allen, der Professor für Haut- und Geschlechtskrankheiten in den USA war und sich als Homöopath nicht nur sehr intensiv mit den venerischen Miasmen und deren Heredität beschäftigt hat, sondern auch das Zusammenspiel der Miasmen untereinander und die Auswirkungen ihrer Unterdrückungen klar erkannt und formuliert hat, faßt dies in seinem Buch „Die chronischen Krankheiten – die Miasmen“ sehr treffend zusammen: „Tatsache ist, daß wir das allerähnlichste Mittel nicht auswählen können, wenn wir die Phänomene der wirkenden und zugrundeliegenden Miasmen nicht kennen; denn das wahre Simile basiert immer auf den vorhandenen, zugrundeliegenden Miasmen, ob wir uns dieser Tatsache nun bewußt sind oder nicht. Das heilende Mittel ist nichts anderes als dasjenige, welches die Krankheit erzeugen kann, die durch ein bestehendes Miasma entstanden ist.“ – Das heißt, bei der chronischen antimiasmatischen Behandlung sind die wahlanzeigenden Symptome im Sinne des §153 von Hahnemanns Organon der Heilkunst die miasmatischen Symptome.

Der geübte Homöotherapeut erkennt den vorliegenden miasmatischen Touch immer an den aktuellen und früher dagewesenen Symptomen des Patienten sowie an den Krankheiten und Zusammenhängen aus der Blutsverwandtschaft. Aus diesem Grunde werden bei chronischen antimiasmatischen Behandlungen häufig vorab umfangreiche Fragebogen zu bearbeiten sein, die mehrerlei Effekte und Zielrichtungen haben. Zum einen wird der Patient gezwungen, sich mit sich selbst zu befassen und auch über Dinge und Zusammenhänge nachzudenken, an die er sich schon lange gewöhnt hat und die er mittlerweile als vollkommen unwichtig erachtet. Aber genau diese Dinge könnten für den Behandler ausschlaggebend sein, das richtige Mittel (bzw. die Abfolge richtiger Arzneimittel) zu finden. Darüber hinaus wird sein Unterbewußtsein in einer Weise aktiviert, so daß im Gespräch häufig Dinge zum Vorschein kommen, an die sich der Patient schon lange nicht mehr erinnert hat. Ein Fragebogen dient demnach in erster Linie der Vorbereitung des Patienten sowie des Therapeuten. Letzterer wird diesen ein paar Tage vor dem Gespräch durcharbeiten, um die Anamnese effizienter gestalten zu können und um Dinge dann gezielt anzusprechen, die anderweitig vielleicht sonst nicht so zur Sprache gekommen wären. – Um es abschließend noch einmal klar zu sagen: Ein Fragebogen kann ein Anamnesegespräch nicht ersetzen!

 

Verschlimmerungszeiten der Miasmen

Da sich die Miasmen in Schüben mit dazwischenliegenden Latenzphasen vermeintlicher Ruhe weiter in den Organismus „vorfressen“, sollte man sich die berechtigte Frage stellen, wann denn solche Verschlimmerungen besonders festzustellen und/oder wodurch sie auszulösen sind. Für einen Therpeuten ist es unerläßlich, diese Verschlimmerungszeiten und -ursachen zu kennen und in der Anamnese oder auch im Verlaufe der chronischen Kur immer wieder neu zu hinterfragen. Dabei lassen sich grundsätzlich zwei Kategorien unterscheiden: Zum einen die sogenannten natürlichen Verschlimmerungszeiten und die sonstigen Verschlimmerungszeiten:


Natürliche Verschlimmerungszeiten:

  • Die Zeit der ersten und zweiten Zahnung, die Pubertät, die Menarche (erste Menstruation), jede Menses, Schwangerschaft und Geburt, übermäßig lange Stillzeiten, das Klimakterium (Wechseljahre der Frau).
  • Die Jahreszeiten wie Herbst, Winter, Frühjahr, Witterungseinflüsse, geographische Einflüsse, Mondeinflüsse wie Voll- und/oder Neumond, zunehmender oder abnehmender Mond.
  • Akute Krankheiten jeglicher Couleur, meist jedoch schwerere Akutkrankheiten.

Sonstige Verschlimmerungszeiten:

  • Mangel an Ruhe, Schlaf, Sonne, Luft, Bewegung.
  • Allgemeine Belastung, körperliche und/oder geistige Anstrengung, Mangelzeiten wie beispielsweise Hungersnöte, Überernährung etc.
  • Verletzungen, Unfälle, Körpersäfteverlust (z. B. höherer Blutverlust).
  • Operationen, Narkosen, sonstige manipulative Eingriffe, Impfungen, Arzneimittelkonsum bzw. Arzneimittelmißbrauch, Kräutermißbrauch, Drogen, die „Pille“ und sonstige Hormoneinnahmen.
  • Schreck- und Schockerlebnisse, anhaltender Kummer und Gram, viel Ärger, unterdrückte Gefühle.
  • etc. pp.

 

Miasmenkomplexität und -dominanz

Bei der homöopathischen chronischen Fallaufnahme – in der Regel einer ausführlichen Lebensanamnese inclusive einer Schwangerschafts- und Kleinkindanamnese samt abschließender Familienanamnese der Blutsverwandtschaft – und Behandlung ist es von zentraler Bedeutung, sich Klarheit hinsichtlich der akuellen Miasmenkomplexität sowie -dominanz zu verschaffen. Hierunter werden hauptsächlich verschiedene Konstellationen verstanden, ohne deren Kenntnisse dauerhafte Erfolge kaum zu erreichen sind. Dies betrifft vor allem die Unterscheidungen hinsichtlich ein- und mehr-miasmatischer Fälle und der übergeordneten Klassifizierung zwischen erworbenen und hereditär übertragenen Miasmen (erblich bedingt) sowie der Herausarbeitung, welche der vorhandenen Miasmen aktiv sind und welche noch einen regelrechten Dornröschenschlaf halten.

...

 

Heredität der Miasmen

Das bisher Gesagte gilt, streng genommen, für die erworbenen Miasmen. Bei den hereditär-chronischen Miasmen, ob ein- oder mehr-miasmatisch, spielt die Familienanamnese zusätzlich noch eine gewichtige Rolle, welche für die Arzneimittelwahl oft von ausschlaggebender Bedeutung ist. Darüber hinaus ist bei Säuglingen und Kleinkindern besonderes Augenmerk auf die Schwangerschaft und Geburt zu legen (ausführliche Schwangerschafts- und Geburtsanamnese), welche durchaus direkten Eingang in die Arzneimittelfindung des Patienten haben kann.

Bei hereditär-miasmatischen Fällen sind also nicht nur die einzelnen Symptome des Patienten ausreichend für die Similebestimmung, sondern die primär-miasmatischen Symptome der Blutsverwandtschaft – ganz besonders die der Mutter, da sie ihr Kind in der Regel neun Monate lang austrägt – sind von ausschlaggebender Bedeutung, eine Conditio sine qua non sozusagen, denn erst sie dokumentieren den kausalen Zusammenhang der inneren zentralen Störung und definieren die innere Logik des Falles. Spätestens an dieser Stelle sollte jedem klar werden, daß die sogenannte Verschreibung nach Typen in der chronischen Behandlung nicht funktionieren kann! Es geht um die miasmatische Pathologie und nicht um den Typ oder den Charakter bzw. die Konstitution eines Menschen. Auch die Ansicht vieler Therapeuten, nur das zu behandeln, was sie sehen, nämlich die Symptome, führt nicht dauerhaft zum Ziel. Wir müssen energetisch denken und die Idee des Falles aufspüren. Eine bloße oberflächliche Symptomenabdeckerei hat nichts mit echter Homöopathie zu tun, und das gilt besonders für den chronischen Bereich! Homöopathie erfordert „Querdenken“ und das Herstellen von kausalen Bezügen. Dies wird spätestens nochmals beim Thema der Unterdrückung deutlich. Die meisten heutigen Therapeuten und Schulen begrenzen sich durch ihre Sichtweise – Homöopathie beinhalte nur die Similebeziehung –, denn die Homöopathie ist zu viel mehr fähig, wenn man die chronischen Gesetzmäßigkeiten beherzigt.

Genau mit diesen hereditär-chronischen Miasmen haben wir es heutzutage in der Praxis in den allermeisten Fällen zu tun! Das liegt nicht zuletzt an unserer orthodoxen agnostischen Hochschulmedizin, die durch ihre heroischen Medikamente, die vielen Impfungen und die vielen Operationen und sonstigen Manipulationen die Menschen immer mehr miasmatisiert und in die Destruktion treibt. So kommt es, daß sich die Miasmen heutzutage von Generation zu Generation immens verschärfen und schon im Säuglingsalter sehr dominant präsent sind. Dies hat Allen bereits vor etwa 100 Jahren in Form des sykotischen Säuglings beschrieben, den wir heutzutage weltweit fast überall antreffen und der von vielen Kinderärzten in Unkenntnis der Tatsachen und Zusammenhänge (leider) schon als das Normale angesehen wird. Doch nur, weil mittlerweile fast alle Säuglinge diese Erscheinungen an den Tag legen, ist es noch lange nicht die Norm im streng biologischen Sinne! Im Gegenteil: Hieraus wird ersichtlich, daß die Menschheit von Beginn ihres Lebens an immer mehr mit miasmatischen Belastungen und Prädispositionen zu kämpfen hat, die sich im Laufe des Lebens und ganz besonders durch unsachgemäße Behandlungen bis ins Unermeßliche steigern können.

 

Übersicht über die Miasmen

Zum besseren Verständnis der Vorgehensweise und des Beurteilens von chronischen Krankheitsfällen und „Schicksalen“ durch die Brille einer sanften und auf Naturgesetzmäßigkeiten basierenden Medizin seien im folgenden alle fünf Miasmen von ihrem Wesen und ihrer Bedeutung her kurz skizziert. Dabei soll es ausschließlich um allgemeine Zusammenhänge gehen und nicht um Vollständigkeit im Detail, wenn so etwas überhaupt möglich ist. Das Thema der Miasmen an sich ist schon sehr komplex und kann an dieser Stelle nicht in allen Einzelheiten beschrieben werden. Der interessierte Leser sei an dieser Stelle auf die vorhandene Fachliteratur verwiesen.

In der heutigen Homöopathie werden grundsätzlich fünf verschiedene Miasmen unterschieden:

Wie bereits weiter oben erwähnt, hat sich Hahnemann schon einige Zeit vor der Entdeckung der Ähnlichkeitsregel eingehend mit den beiden venerischen Krankheiten Gonorrhoe (Tripper) und Syphilis beschäftigt und erkannt, daß diese beiden viel tiefgreifender sind, als bislang angenommen, und den gesamten Organismus betreffen. Erst viel später hat er dann den beiden venerischen Miasmen Sykosis und Syphilis ein nicht-venerisches, die Psora, vorangestellt. Darüber hinaus gewann er die Einsicht, daß die herkömmliche Medizin mit ihren grobstofflichen Medikamenten – sogar chronisch gesehen – viele bleibende Schäden anrichten kann, so daß schließlich sein viertes Miasma das sogenannte Arzneimittelmiasma wurde.

Lange nach Hahnemanns Tod hat dann der Amerikaner John Henry Allen die sogenannte Pseudo-Psora oder Tuberkulinie den anderen hinzugefügt und beschreibt sie als eigenständiges Miasma, welches ausschließlich hereditär auftritt. Sie hat ihr eigenes typisches Erscheinungsbild und ist aus dem heutigen Praxisalltag nicht mehr wegzudenken.

Neuerdings versuchen einige Autoren der heutigen Zeit, wie beispielsweise Laborde, Coulter, Gienow, Scheiwiller, darüber hinaus weitere Miasmen hinzuzukreieren, als da sind: die „Kanzerinie“ (Cancerinie, Karzinogenie, Krebsmiasma), die „Parasitose“ (durch Parasiten verursacht) oder das „Pockenmiasma“ (durch die Pockenimpfung verursacht). Unverständlicherweise setzen weitere Therapeuten häufig Nosode (homöopathisches Arzneimittel, welches aus dem Produkt eines erkrankten Organs hergestellt ist wie z. B. Tuberculinum aus einer Reinkultur von Tuberkelbazillen, Lyssinum aus dem Speichel eines tollwütigen Hundes oder Scarlatinum aus dem Abstrich eines Scharlachpatienten) gleich Miasma und propagieren beispielsweise auch ein sogenanntes Scharlachmiasma, welches man durch die Nosode Scarlatinum heilen könne etc. pp. Dies alles ist leider nicht korrekt und schlüssig, ja es schadet im Prinzip der eigentlichen miasmatischen chronischen Homöopathie und stiftet viel Verwirrung, gerade unter jungen Therapeuten. Allein mit den fünf oben stehenden „klassischen“ Miasmen läßt sich alles wunderbar erklären und auch hervorragend therapieren.

Abschließend – zur Orientierung – noch eine Liste chronischer homöopathischer Arzneimittel (Antimiasmatika) und ihre Zuordnung zu den einzelnen Miasmen.

Typische Miasmenbelastungen im Säuglings- und Kleinkindalter

Zum Abschluß der miasmatischen Betrachtungen noch ein paar Anmerkungen zu unseren ganz Kleinen, denn schon im frühesten Säuglings- und Kleinkindalter lassen sie die Bereitschaft und Neigung zu Erkrankungen die Miasmen sehr deutlich erkennen. Wird diese Sprache des Organismus richtig verstanden, so hat man damit eine große Chance, durch eine gezielte homöopathische antimiasmatische Behandlung sehr frühzeitig die Weichen zu absoluter Gesundheit – wie sich Hahnemann ausgedrückt hat – zu stellen. Dies betrifft hauptsächlich die hereditäre Sykosis, Syphilis und Tuberkulinie.

Genaueres hierzu samt Fallbeispielen aus der homöopathischen Praxis siehe die Bücher von Dr. Joachim-F. Grätz:

Auch zu den Kinderkrankheiten wird aus miasmatischer Sicht klar Stellung bezogen. Hierzu siehe auch den Beitrag von Dr. Grätz ”Kinderkrankheiten – ein miasmatischer Selbstheilungsversuch”.

Eine ausführliche Liste bzgl. typischer miasmatischer Symptome – nicht nur im Kindesalter – ist im Anhang des Buches ”Klassische Homöopathie für die junge Familie, Band 1” zu finden.

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